UNESCO-Weltkulturerbe

Am 27. Juni 2011 hat das Exekutivkomitee der UNESCO in Paris 111 Pfahlbau-Fundstellen rund um die Alpen als Weltkulturerbe anerkannt. Darunter sind auch zwei Fundstellen aus dem Kanton Solothurn: Die Pfahlbausiedlung „Burgäschi Ost“ am Burgäschisee in Aeschi und diejenige auf der Insel im Inkwilersee in Bolken. Die beiden Solothurner Fundstellen liegen abseits der grossen Seen und füllen damit eine Lücke zwischen den Pfahlbaustationen der Westschweiz und denjenigen der Zentral- und Ostschweiz. Zusammen decken die beiden die gesamte Pfahlbauperiode von der mittleren Jungsteinzeit bis ans Ende der Bronzezeit ab.

Burgäschisee

Schwerpunkt der Besiedlung am Burgäschisee ist das 4. Jahrtausend v.Chr. In dieser Zeit gab es vier Dörfer am Burgäschisee, zwei auf Solothurner, zwei auf Berner Seite. Alle lieferten Keramik der sog. Cortaillod-Kultur, die von Westen beeinflusst war und bis an den Zürichsee reichte. Burgäschi Ost wurde 1944 ausgegraben. Es war ein kleines Dorf mit vermutlich einem halben Dutzend Häuser entlang dem Seeufer und einer Palisade gegen das Land hin. In Burgäschi Ost liegen auch Überreste der älteren „Egolzwiler-Kultur“ (5. Jahrtau-send v.Chr.) und der jüngeren „Schnurkeramik“ (3. Jahrtausend v.Chr.) vor. In diesen beiden jüngeren Epochen weisen die kulturellen Verbindungen nach Osten und Nordosten. Damit kann man zeigen, dass schon in der Jungsteinzeit eine Art Röstigraben durch das Gebiet der heutigen Schweiz verlief – einmal lag er westlich und einmal mehr östlich des Burgäschisees.

 

 

Inkwilersee

Die Insel im Inkwilersee ist die einzige Pfahlbausiedlung unserer Region mit Funden aus der späten Bronzezeit (1200-800 v.Chr.). Es sind aber auch ältere Funde aus der Jungsteinzeit (4. Jahrtausend v.Chr.) und jüngere Funde aus der Eisenzeit (800-15 vor Chr.) und der römischen Epoche (1.-3. Jh. n.Chr.) bekannt. Einmalig ist auch die Lage der Fundstelle auf einer kleinen Insel mitten im See und auf der Grenze zwischen den Kantonen Bern und Solothurn. 1854 bereits entdeckt, im gleichen Jahr wie die ersten Pfahlbauten überhaupt, wurde die Fundstelle nie grossflächig ausgegraben. Letzte Sondierungen fanden 1946 statt. Sie berichten von Holzkonstruktionen und mächtigen Kulturschichten. Mit der geplanten Sanierung ist der See wieder ins Blickfeld der Archäologen gerückt. Wie sich zeigte, sind die Kulturschicht auf der Insel und die Pfähle im Wasser rund um die Insel immer noch in sehr gutem Zustand. Einzigartig ist der Fund eines Holzschwertes, das bei der Tauchprospektion 2007 geborgen wurde und bei dem es sich vermutlich um ein Spielzeugschwert handelte. Die Form des Griffs ist die gleiche wie bei richtigen Bronzeschwertern und die C14-Datierung bestätigt ein Alter zwischen 1260 und 890 v.Chr.

 

Hintergrundinformationen

Rund um die Alpen sind über 1000 Seeufersiedlungen bekannt – etwa die Hälfte davon liegt in der Schweiz, die restlichen in Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich und in Slowenien. 111 davon wurden ausgewählt und bilden zusammen nun ein transnationales, serielles Weltkulturerbe. Die Archäologen versprechen sich vom UNESCO-Label mehr Anerkennung für diese weitgehend unsichtbaren Fundstellen, die unser Wissen in den letzten 150 Jahren enorm bereichert haben. Alle zusammen gewähren die Pfahlbau-siedlungen einen einmaligen Einblick in Leben und Alltag der Menschen, die von 5000 bis 800 vor Chr. rund um die Alpen gewohnt haben. Unter Wasser bleiben nicht nur Gegenstände aus Stein oder gebranntem Ton erhalten, sondern auch solche aus Holz, Textilien und Pflanzenfasern, und diese Gegenstände machen den weitaus grössten Teil der materiellen Hinterlassenschaften der Menschen in ur- und frühgeschichtlicher Zeit aus. Dank ihnen wissen wir, wie die Menschen wohnten und was sie assen und wie sie sich kleideten. Die Pfahlbausiedlungen sind auch berühmt für die ältesten Holztüren, die ältesten Textilien, die ältesten Räder und das älteste Brot Europas. Holz- und Keramikgefässe, Fischernetze, Angelhaken und komplette Werkzeuge geben vielfältige und lebendige Einblicke in den Alltag früher Bauernkulturen. Die Pfahlbauten bringen aber auch Flöten aus Holz und Kuriosa wie Kaugummis aus Birkenharz oder Sandalen mit Moos-Einlagen zu Tage. Und als „Pfahlbauern“ haben die Menschen längst Eingang in unsere Vorstellungswelt gefunden.  
Eine Informationsbroschüre des Vereins Palafittes schildert lesbar und anschaulich auf 104 Seiten mit über 340 farbigen Bildern das „Phänomen Pfahl-bauten“ in all seinen Facetten. Den wissenschaftlichen Hintergrund bieten zwei ausgewiesene Kenner der Pfahlbauten, Dr. Peter Suter (Archäologischer Dienst des Kantons Bern) und Dr. Helmut Schlichtherle (Landesamt für Denkmalpflege Baden-Württemberg). Im Zentrum steht das tägliche Leben der Menschen in der Zeit zwischen 5000 und 500 v. Chr. (Ackerbau und Viehhaltung, Technik und Handel, Kleidung und Schmuck). Ein Überblick über die spektakulärsten Funde aus der Schweiz, Frankreich, Deutschland, Österreich, Slowenien und Italien findet in dieser Broschüre ebenso seinen Platz, wie die Bestrebungen, die gefährdeten Fundstellen der Nachwelt zu erhalten.